HTRB-, HTGB- und H3TRB-Prüfsysteme für Leistungshalbleiter

Sperrschicht-Integrität und Oxidzuverlässigkeit unter Extrembedingungen nachweisen

Übersicht

HTRB-, HTGB- und H3TRB-Tests gehören zu den wichtigsten Zuverlässigkeitsprüfungen in der Qualifizierung von Leistungshalbleitern. Die drei Tests sind komplementär — jeder deckt einen anderen Bauteilbereich ab. Wer nur einen durchführt, testet nur ein Drittel der möglichen Ausfallmechanismen.

HTRB — Sperrschicht-Integrität unter Hochspannung

High Temperature Reverse Bias belastet den Prüfling mit Sperrspannung (80–100 % VRRM) bei 150–175 °C über 1.000 Stunden. Der Test beschleunigt die thermisch aktivierte Degradation nach dem Arrhenius-Modell und deckt auf:

  • Ionenmigration — mobile Ionen (Na⁺, K⁺) wandern unter dem elektrischen Feld durch das Oxid und verändern die Oberflächenladung
  • Kristalldefekte und Dislokationen — führen unter Hochtemperatur-Sperrspannung zu erhöhtem Leckstrom
  • Randabschluss-Degradation — Defekte in Guard Rings, JTE und Field Plates an der Chipkante
  • Passivierungs-Alterung — unter dem kombinierten Stress aus hoher Temperatur und hohem elektrischem Feld

Bei SiC-Bauteilen kann der Sperrstrom zunächst ansteigen und sich dann stabilisieren — ein Phänomen, das bei Silizium nicht auftritt. Die AQG 324 empfiehlt daher eine Trendanalyse statt starrer Grenzwerte.

HTGB — Der kritischste Test für SiC

High Temperature Gate Bias legt die maximale Gate-Spannung bei 150–175 °C an und prüft:

  • Gate-Oxid-Integrität — hält das Oxid der dauerhaften Feldbelastung stand?
  • Schwellspannungsdrift (ΔVth) — verschiebt sich die Einschaltschwelle?
  • Ladungsträgerinjektion (Charge Trapping) — sammeln sich Ladungen an der Oxid-Halbleiter-Grenzfläche?
  • Zeitabhängiger dielektrischer Durchbruch (TDDB) — wann bricht das Oxid durch?

Bei SiC-MOSFETs ist HTGB besonders kritisch: Die SiC/SiO₂-Grenzfläche hat eine 100- bis 1.000-fach höhere Defektdichte als Si/SiO₂. Kohlenstoffatome aus dem Substrat erzeugen Elektronenfallen, die Ladungsträger einfangen und die Schwellenspannung verschieben. Ein SiC-MOSFET mit Vth = 3,5 V bei Raumtemperatur kann nach 1.000 h HTGB bei 2,0 V oder 5,0 V einschalten — zu niedrig bedeutet Fehleinschaltung und Shoot-Through, zu hoch bedeutet erhöhter Durchlasswiderstand.

HTGB muss in beiden Polaritäten durchgeführt werden: Positive Spannung treibt Elektronen-Trapping, negative Spannung treibt Loch-Trapping. Wer nur eine Polarität testet, sieht nur die halbe Wahrheit.

H3TRB — Wenn Feuchtigkeit zur Waffe wird

High Humidity High Temperature Reverse Bias kombiniert Sperrspannung mit 85 °C und 85 % r.F. über 1.000 Stunden. Die Kombination aus Temperatur, Feuchtigkeit und elektrischem Feld treibt elektrochemische Korrosion im Inneren des Bauteils an:

  • Dendritenwachstum — metallische Whisker wachsen unter Feuchtigkeit und E-Feld zwischen Leitern und erzeugen Kurzschlüsse. Ohne Vorwarnung, ohne Parameterabdrift.
  • Elektrochemische Migration — Metallionen (Ag, Cu) wandern entlang von Oberflächen
  • Passivierungs-Integrität — Risse oder Poren lassen Feuchtigkeit zum Chip vordringen

H3TRB ist kein reiner Package-Test: Besonders bei SiC, wo die Passivierung häufig dünner ist, kann die Kombination aus Feuchtigkeit und hoher Sperrspannung auch die Chipoberfläche angreifen. Seit der AEC-Q101-Revision 2024 gilt die tatsächliche Nennspannung statt des alten 100-V-Limits.

DHTRB — Dynamische Prüfung für SiC und GaN

Dynamic Reverse Bias — seit AQG 324 Release 04.1/2025 Pflicht für SiC-Module im Automotive-Bereich. Ein SiC-MOSFET im Traktionswechselrichter schaltet 100.000- bis 500.000-mal pro Sekunde. Während des gesamten statischen HTRB-Tests schaltet das Bauteil kein einziges Mal.

DHTRB ersetzt die statische Gleichspannung durch gepulste Spannungsprofile bis 500 kHz mit einstellbarem Duty Cycle (25–75 %). Dynamisches Schalten erzeugt vier Belastungsarten, die ein statischer Test vollständig verpasst:

  • Magnetfeldinduzierte Bondkräfte — steile di/dt-Flanken üben mechanische Kräfte auf Bonddrähte aus
  • Dielektrische Ermüdung — wiederholte Spannungswechsel verursachen Trap-Bildung am Gate-Oxid
  • Beschleunigte Elektromigration — dynamische Profile treiben Wanderungsprozesse an Materialübergängen
  • Lokales Self-Heating — Schaltflanken erzeugen thermomechanische Mikrozyklen

Normen und Standards

  • JEDEC JESD22-A108 — Referenznorm für HTRB weltweit
  • IEC 60749-23 — Internationale Norm für Hochtemperatur-Sperrspannungstests
  • AQG 324 (ECPE) — Pflicht für Automotive-Leistungsmodule: HTRB (QL-05), HTGB (QL-06), H3TRB (QL-07) plus dynamische Varianten (DHTRB, DGS, dyn-H3TRB) für SiC
  • AEC-Q101 — Automotive-Qualifizierung für diskrete Halbleiter
  • MIL-STD-750 — Anforderungen für Raumfahrt und Verteidigung

Das HTRB 689 von Schuster Elektronik

  • Prüfspannung bis ±2.000 V (Si, SiC, GaN)
  • 18 Einzelprüflinge oder 9 Halbbrücken-Module pro Station
  • Sperrstrommessung bis 300 mA pro Kanal
  • Temperaturmessung bis 200 °C direkt an der Prüflings-Bodenplatte
  • Modular erweiterbar auf über 10 Stationen
  • Drei Betriebsarten für die Spannungserzeugung (verschiedene Welligkeitsmodi)
  • Automatische Grenzwertüberwachung mit sofortiger Abschaltung
  • Unabhängige Gate-Spannungsquellen pro Kanal für kombinierte HTRB/HTGB-Tests
  • Netzwerk-Schnittstelle für Remote-Monitoring und Datenexport

Häufig gestellte Fragen

01 Welche Ausfallmechanismen deckt ein HTRB-Test auf und warum ist er für die Qualifizierung unverzichtbar?

Der HTRB-Test (High Temperature Reverse Bias) belastet Leistungshalbleiter mit Sperrspannung (typisch 80-100 % von VRRM) bei maximaler Sperrschichttemperatur (150-175°C) über üblicherweise 1.000 Stunden. Er beschleunigt die thermisch aktivierte Degradation nach dem Arrhenius-Modell und deckt folgende Schwachstellen auf:

  • Sperrschicht-Integrität: Kristalldefekte und Dislokationen im Halbleitermaterial, die unter Hochtemperatur-Sperrspannung zu erhöhtem Leckstrom führen
  • Ionische Kontamination: Mobile Ionen (Na⁺, K⁺) auf der Chipoberfläche oder aus dem Gehäuse, die unter dem elektrischen Feld zur Sperrschicht wandern und die Sperrfähigkeit degradieren
  • Randabschluss-Schwächen: Defekte in den Felddepletion-Strukturen (Guard Rings, JTE, Field Plates) an der Chipkante, die sich als lokale Leckstrompfade manifestieren
  • Passivierungs-Degradation: Alterung der Oberflächenpassivierung unter dem kombinierten Stress aus hoher Temperatur und hohem elektrischem Feld

Der Sperrstrom (IR) wird kontinuierlich überwacht -- ein stabiler Leckstrom über die gesamte Testdauer ist die Voraussetzung zum Bestehen.

02 Was ist der technische Unterschied zwischen HTRB, HTGB und H3TRB und welche Bauteilbereiche prüft jeder Test?
HTRB HTGB H3TRB
Belastung Sperrspannung VCE/VDS (80-100 % VRRM) Gate-Spannung VGS (max. spezifiziert) Sperrspannung VCE/VDS
Temperatur 150-175°C (Tj,max) 150-175°C (Tj,max) 85°C
Feuchtigkeit Nein Nein 85 % r.F.
Prüft Sperrschicht, Randabschluss, Passivierung Gate-Oxid, Schwellspannungsstabilität Feuchtebeständigkeit, Gehäuseabdichtung
Messgröße Sperrstrom IR / IDSS Gate-Leckstrom IGSS, Vth-Drift Sperrstrom IR
Dauer 1.000 h (AQG 324: QL-05) 1.000 h (AQG 324: QL-06) 1.000 h (AQG 324: QL-07)
Norm JEDEC JESD22-A108, IEC 60749-23 IEC 60749-5 JEDEC JESD22-A101

Bei HTGB werden Source und Drain kurzgeschlossen und die maximal spezifizierte Gate-Spannung angelegt. Marginale Gate-Oxide zeigen unter diesem Stress einen Anstieg des Gate-Leckstroms oder eine Schwellspannungsdrift durch Ladungseinfang (Charge Trapping) an der Oxid-Halbleiter-Grenzfläche.

Bei H3TRB ist die Temperatur mit 85°C deutlich niedriger, dafür kommt Feuchtigkeit als zusätzlicher Stressfaktor hinzu. Wasser kann durch Mikrorisse in der Passivierung oder über Undichtigkeiten im Gehäuse zum Chip gelangen und elektrochemische Korrosion auslösen.

03 Welche besonderen Herausforderungen stellen SiC-Bauelemente an HTRB- und HTGB-Tests?

SiC-Leistungshalbleiter (Siliziumkarbid) unterscheiden sich in mehreren Punkten grundlegend von Silizium-IGBTs:

  • Gate-Oxid-Empfindlichkeit: Die SiC/SiO₂-Grenzfläche hat eine geringere Barrierenhöhe als Si/SiO₂. Das begünstigt Fowler-Nordheim-Tunneln von Elektronen in das Oxid, was zu Ladungseinfang und Schwellspannungsdrift führt. HTGB-Tests sind deshalb bei SiC-MOSFETs besonders kritisch.
  • Basalebenen-Dislokationen (BPD): Bei Stromfluss durch die Body-Diode können Elektron-Loch-Rekombinationen an Basalebenen-Dislokationen zur Expansion von Stapelfehlern führen -- ein SiC-spezifisches Phänomen, das bei Silizium nicht auftritt.
  • Höhere elektrische Feldstärken: Die breitere Bandlücke von SiC (3,26 eV vs. 1,12 eV bei Si) ermöglicht höhere Sperrspannungen, bedeutet aber auch höhere lokale Feldstärken, die subtile Degradationseffekte am Randabschluss beschleunigen können.
  • Messanforderungen: Die sehr niedrigen Leckströme von SiC-Bauelementen erfordern eine höhere Messauflösung und längere Einschwingzeiten für stabile Messwerte.
04 Wie ist das HTRB 689 von Schuster Elektronik aufgebaut und wie unterscheidet es sich von Wettbewerbsprodukten?

Das HTRB 689 basiert auf einem modularen Stationskonzept: Das Grundsystem besteht aus einer Basisstation mit Sperrspannungsgenerator, Messeinheit und Steuerung sowie einem PC. Es kann auf über 10 Stationen erweitert werden, wobei jede Station unabhängig parametrierbar und ansteuerbar ist.

Technische Alleinstellungsmerkmale:

  • ±2.000 V Prüfspannung -- symmetrisch positiv und negativ, geeignet für bidirektionale Tests
  • 18 Einzelprüflinge oder 9 Halbbrücken-Module pro Station an drei Heiz-/Kühlplatten
  • Drei Betriebsarten für die Spannungserzeugung: Halbwelle 50 Hz (Einweggleichrichtung), Halbwelle 100 Hz (Brückengleichrichtung) und geglättete Halbwelle 100 Hz -- verschiedene Welligkeitsmodi für unterschiedliche Testanforderungen
  • Effektive Abtastrate 50 Hz / 13 Samples (260 ms Messzyklus): Jeder Zyklus erfasst Einzelsperrströme, Summenstrom und Spannung
  • Temperaturmessung direkt an der Bodenplatte des Prüflings über spezielle Sensoren (nicht Umgebungstemperatur)
  • Automatische Grenzwertüberwachung mit sofortiger Abschaltung bei Überschreitung -- schützt Prüfling und System
  • Netzwerk-Schnittstelle für Remote-Monitoring und Datenexport -- bei 1.000-Stunden-Tests unverzichtbar

Anfrage zu HTRB, HTGB, H3TRB

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